„Die Lösung ist immer einfach, man muss sie nur finden.“ Seit über zehn Jahren ist das Familienservice erste Anlaufstelle für Fragen und Anliegen rund um die Familien in Niederösterreich.

Alexander Solschenizyn

„Die Lösung ist immer einfach, man muss sie nur finden.“ Seit über zehn Jahren ist das Familienservice erste Anlaufstelle für Fragen und Anliegen rund um die Familien in Niederösterreich.

Alexander Solschenizyn

Ein bunter Lebensherbst

Im persönlichen Gespräch mit Landesrätin Schwarz

Barbara Schwarz ist seit 2011 Mitglied der NÖ Landesregierung. Sie ist für die Bereiche Familie, Bildung und Soziales zuständig.

Familienzeit: Älter werden und älter sein – für beides gibt es in unserer Gesellschaft immer bessere Perspektiven. Doch was bedeutet es tatsächlich, in einer Zeit zu leben, in der alle möglichst alt aber scheinbar niemand älter werden will?

Landesrätin Schwarz: Das ist ein Phänomen unserer Zeit. Wenn man in die Geschichte zurückblickt, dann waren die alten Menschen die weisen Menschen, jene, denen man zugetraut hat, für die Gesellschaft auch Entscheidungen zu treffen. In vielen Kulturen hat es den Weisenrat gegeben. Menschen, die viel erlebt und, im positiven wie im negativen Sinne, viel durchgemacht haben und damit die besten Ressourcen und Erfahrungen besitzen, auf die sie zurückzugreifen können. Jetzt sind wir in einer Zeit, die ein Stück weit schon einem Jugendwahn verfallen ist. Das muss man so sagen. Niemand will so alt aussehen, wie er ist. Aber man sollte sich nicht davor fürchten, zu seinem Alter zu stehen. Es ist auch etwas, das man geschafft hat. Es ist niemandem etwas in den Schoß gefallen, jeder hat dafür arbeiten müssen um bis hierher zu kommen. Alt zu werden ist auch eine Leistung.

Familienzeit: Also hat sich das Älterwerden grundsätzlich verändert?

Landesrätin Schwarz: Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass die Veränderungen in einem Leben immer rasanter und immer schneller kommen und ältere Menschen vielleicht manchmal etwas länger brauchen, um sich auf eine Veränderung einzustellen. Aber ich erinnere mich zurück an meine Großmutter, die Jahrgang 1896 gewesen ist. Sie hat mir noch vom Begräbnis von Kaiser Franz-Joseph erzählt, dass in Wien die Straßen außerhalb des Gürtels alle nicht gepflastert waren, dass sie mit Gaslicht daheim gelebt haben, dass es den sogenannten „Frigidaire“ mit einem Eisblock gegeben hat. Sie hat zwei Weltkriege miterlebt, bevor ich sie überhaupt kennenlernen durfte. Ich habe mir immer gedacht, wie unglaublich das ist, dass sie in einer Zeit groß geworden ist, in der es abgesehen von den Maschinen in der Industrie eigentlich gar keine Technik gegeben hat und bevor sie gestorben ist, ist die Menschheit schon zum Mond geflogen. Wie oft hat sie sich umstellen müssen, auch in ihrer persönlichen Lebenssituation. Ein unglaubliches Auf und Ab! Und dann ist irgendwann eine Zeit angebrochen, in der die technischen Neuerungen noch schneller gekommen sind. Mit Aufkommen der Digitalisierung haben dann auch viele Siebzigjährige gesagt „Ein Handy werde ich nie brauchen“ und mit 90 Jahren haben sie dann doch eines.

Familienzeit: Mit Ihrer Initiative „Mittendrin im Leben“ setzen Sie für diese ältere Generation in Niederösterreich ein deutliches Zeichen und mehr als das – Sie stellen konkrete Angebote zur Verfügung. Was waren Ihre Beweggründe, dieses Projekt ins Leben zu rufen?

Landesrätin Schwarz: Mir fällt auf, dass wir Themen des täglichen Lebens immer stärker von der Problemseite betrachten. Gleichzeitig wundern wir uns, dass viele Menschen mutlos werden und denken ‚ich schaffe das nicht‘. Auch das Alter sehen wir meist aus der Sicht des Defizits. Man ist nicht mehr so fit, man ist nicht mehr so schön, man ist nicht mehr so am Puls der Zeit, wie ich schon gesagt habe. Wir reden von Pflege und Betreuung und wir reden eben nicht davon, wie viel Lebenserfahrung man hat und dass man Dinge angehen kann, die man sich mit 30 Jahren vielleicht nicht getraut hat oder sich noch nicht ermöglichen konnte.

Auch ich  habe Sachen, die ich heute tue, die ich mir zutraue und durchstehe, mit  30 oder 40 Jahren vielleicht noch nicht getan – ich bin auch hineingewachsen. Und das sollte man nutzen und sich sagen, dass man einen Lebensabschnitt vor sich hat, der eigentlich schön ist. Man kann sich selber einen positiven Blick auf das Älterwerden geben, indem man Überlegungen anstellt wie zum Beispiel: „Jetzt kann ich genießen, jetzt habe ich mir etwas geschaffen, ich musste als junger Mensch vielleicht mehr sparen, um etwas haben zu können. Jetzt habe ich ein eingerichtetes Heim, ich habe meine Kinder erzogen, sie sind herangewachsen, sie sind eigenständige Menschen geworden. Ich habe wieder mehr Freizeit, im Sinne von Zeit für mich selbst oder auch für meine Partnerschaft, für meine Freunde und mein Umfeld und ich kann das gut leben.“  Der Hintergedanke ist, dass sich Menschen auch ein Stück weit auf diesen Lebensabschnitt freuen. Ich möchte, dass die Menschen immer mittendrin im Leben stehen, und zwar von der ersten bis zur letzten Minute. Und dafür bieten wir unter dem Dach von „Mittendrin im Leben“ eine Vielfalt an Unterstützung und Angeboten.

Familienzeit: Warum wird in unserer Gesellschaft das Älterwerden oft ingnoriert und das Altwerden sogar tabuisiert. Welche Vorbehalte oder sogar Ängste stecken dahinter?

Landesrätin Schwarz: Die Forschungen des Altersforschers Professor Kolland haben  interessanterweise gezeigt, dass die Lebenszufriedenheit um die 40 Jahre herum am geringsten ist. Da beginnt wahrscheinlich schon die „Midlife-Crisis“. Man muss darüber reden. Leben ist endlich, das ist so. Das ist ein Thema, über das wir zu wenig reden, weil wir uns mit dem Tod nicht beschäftigen wollen. Das schieben wir weg, das darf nicht passieren. Wir verhalten uns, als wäre der Tod  ansteckend und wir möchten am besten gar nicht mit ihm konfrontiert werden. Aber wenn wir uns von Anfang an klar machen, dass das Ende unseres Lebens vorbestimmt ist, im Sinne von „es wird irgendwann kommen, wir wissen nur nicht wann“ und uns auch damit auseinandersetzen, dann können wir auch die Zeit bis dorthin lustvoll genießen – und zwar jeden Abschnitt. Leben findet im Tod die Vollendung und sobald man sich damit beschäftigt, geht’s schon leichter. Auch wenn es nicht unser Lieblingsthema ist, sollten wir das tun, weil man einander dann besser dorthin begleiten kann und niemand,  der gehen muss, ganz alleingelassen wird. Das ist auch der Grund, warum mir Hospiz so wichtig ist.

Familienzeit: Die Art und Weise sein Leben zu leben beeinflusst demnach auch dessen Ende und das Leben derer, denen wir begegnen.

Landesrätin Schwarz: Man soll aus dem Leben etwas machen und man hat auch ein Recht darauf. Nicht auf Kosten anderer, aber ein Recht für sich darauf, dieses Leben zu genießen, die schönen Dinge zu sehen und sich daran zu freuen, wenn die Natur schön ist, wenn die Dinge gut laufen, und auch positiv in die Zukunft zu blicken. Darum geht es mir auch ganz stark in dieser Kampagne für die Senioren, weil ich mir denke, dass ältere Menschen auch ein riesen Potenzial haben. Und jetzt bin ich wieder ganz am Anfang dieses Gesprächs, wenn sie positiv in der Gesellschaft leben, ihre Erfahrungen auch weitergeben und wenn sie sich mit den Enkelkindern beschäftigen. Der Schatz, wenn ältere Menschen aus ihrem Leben erzählen, ist für die Jugend immer bereichernd. Das war nicht nur für mich spannend bei meiner Großmutter, sondern das wird für meine Enkelkinder vielleicht irgendwann einmal genauso spannend sein. Sie werden dann sicher auch zu mir sagen: „Du bist in der Steinzeit aufgewachsen“ (lacht),  weil ich noch eine Nummer gewählt habe und das am Telefon mit  Viertelanschluss. Das wird für meine Enkelkinder  genauso exotisch sein, wie für mich die Geschichte meiner Großmutter  vom Begräbnis von Kaiser Franz Joseph. Aber ihnen diese vielen Dinge zu erzählen oder mit ihnen Spiele zu spielen, die wir gespielt haben und die sie nicht mehr kennen, mit ihnen spazieren zu gehen und ihnen zu erzählen, wie die Blumen heißen, und vieles mehr.  Das kann man alles nur, wenn man positiv im Leben steht. Und genau das würde ich gerne vermitteln – die schönen Dinge des Lebens zu sehen und auch anzunehmen.

Familienzeit: Auf welcher Grundlage konzipieren Sie das Thema für die Zukunft?

Landesrätin Schwarz: Wir haben ganz viele Treffen mit Gemeinden organisiert. Bei diesen „Bürgermeisterfrühstücken“ in allen Vierteln diskutieren wir, wo Potenzial gesehen wird, um ihre Gemeinden seniorenfreundlicher zu machen. Es geht mir in diesen Gesprächen darum, die Bedürfnisse älterer Menschen in ihrem direkten Lebensumfeld sichtbar zu machen, um dann die passenden Angebote setzen zu können. Stellt man auf einem Spielplatz Bänke oder auch ein Turngerät für Seniorinnen und Senioren auf, dann werden diese auch irgendwann wie selbstverständlich auf den Kinderspielplatz gehen und dann findet dort Begegnung statt und es wird wieder mehr Kommunikation zwischen den Generationen geben. Wie sollte ein Kulturangebot geschnürt sein, das ein älteres Publikum anspricht? Wie schaut es mit der Ehrenamtlichkeit aus? Ist das etwas, das ältere Menschen positiv sehen oder denken sie, dass sie das eigentlich nicht mehr möchten? Beides muss möglich sein. Aber es sollte das Wissen über diese Dinge geben, weil ich glaube, dass sich viele Menschen damit noch gar nicht beschäftigt haben. Daher werden wir auch alle Schritte wissenschaftlich begleiten und die Erkenntnisse mit dem Altersforscher Professor Kolland in einer Studie zusammenfassen.

Familienzeit: In der medialen Diskussion finden sich ältere Menschen oft in negativen Kontexten repräsentiert und die Werbung setzt auf stereotype Bilder, wie dem eines supersportlichen Pensionisten oder einer joghurtrührenden Omama. Wie würden sie sich aus Ihrer Sicht gerne dargestellt sehen?

Landesrätin Schwarz: Werbung begegnet uns überall, nicht nur im Fernsehen, und sie bedient genau diese Stereotypen. <s>I</s>ch glaube, dass die älteren Menschen einfach als das wahrgenommen werden wollen, was sie sind. Als Menschen mittendrin im Leben, die viele und unterschiedliche Fähigkeiten haben, das ganze Leben lang. Wie betrachten nicht mehr die Gesamtheit einer Kommune, wo jeder drin vorkommt, vom Neugeborenen bis zum 100-Jährigen, sondern Gruppen. Dann gibt es Frauenpolitik, Familienpolitik und Seniorenpolitik. In Niederösterreich machen wir Generationenpolitik, weil jede Maßnahme in jeder Bevölkerungsgruppe sich immer auch auf alle anderen auswirkt. Man muss die Gesellschaft als Ganzes betrachten und aus dieser ist der Beitrag der älteren Menschen nicht wegzudenken. Sie sind wichtig!

Familienzeit: Sich freiwillig und selbstbestimmt einzubringen schafft neue Möglichkeiten und Qualitäten. Was kann und muss die Politik dazu beitragen, dass der demografische Wandel auch Chancen und neue Beziehungsangebote mit sich bringt?

Landesrätin Schwarz: Also zunächst sehe ich hier einen gesellschaftspolitischen Auftrag. Wir müssen weg von dem Denken, dass die Pensionierung der Schnitt ist. Pensionierung heißt ja nicht, dass sich mein ganzes Leben ändert, sondern ist der Schritt in ein neues Tun. Und der wird, da müssen wir realistisch sein, über die nächsten 20 Jahre später kommen, eben weil Menschen länger gesund sind, länger fit bleiben, länger leben. Wir werden uns auch überlegen müssen, wie wir Arbeitszeiten über das Leben aufteilen, bzw. Modelle, die einen schrittweisen Übergang zulassen.

Ich kenne selber ganz viele Menschen, die vor der Pension stehen und sagen, dass sie gerne noch zum Beispiel halbtags weitermachen würden. Das kann jetzt ganz viel Nutzen bringen. Gerade wenn jetzt die Babyboomer in Pension gehen, werden wir sogar einen Mangel an bestimmten Fachkräften, wie zum Beispiel beim Lehrpersonal, bekommen. Dann werden wir vielleicht froh sein, wenn jemand sagt, dass sie oder er noch gerne arbeiten würde. Meine andere Großmutter hat bis 70 Jahre noch als Hebamme gearbeitet. Wir müssen auch freier denken, wie Gesellschaft sich gegenseitig wieder stützen kann. Da spielen Senioren eine große Rolle für mich. Es muss nicht alles institutionalisiert und reglementiert werden. Wir brauchen wieder mehr Eigenverantwortung und eigenes Tun. Wenn wir selbst Dinge regeln und mit uns ausmachen, wenn die Gesellschaft sich ein Stück weit selber trägt, wenn Menschen aufeinander achten, dann braucht sie weniger Vorschriften und Regulierungen und ich glaube, dass das eine Gesellschaft zufriedener macht. Gemeinschaft zu leben, sich einzubringen und dadurch akzeptiert zu sein, ist das positivste Lebensgefühl, das man haben kann. 

Familienzeit: Das heißt, es braucht Generationensolidarität und als Grundvoraussetzung dafür Eigenverantwortung und Eigeninitiative, um die Aufgaben, die sich in einer Gesellschaft und im eigenen Leben ergeben, bestmöglich zu bewältigen?

Landesrätin Schwarz: So ist es. Es gibt zum Beispiel das alte Sprichwort: „Es braucht ein ganzes Dorf ein Kind zu erziehen“ und dort, wo das Dorf funktioniert, funktioniert auch das noch. Weil dort gibt es noch den Nachbarn und die Zivilgesellschaft. Wir brauchen eine stärkere Zivilgesellschaft. Und nicht weil wir Kosten sparen wollen. Wir sparen übrigens, wenn wir es tun, das Geld dieser Gesellschaft und nicht das Geld irgendwelcher Töpfe, die uns nicht gehören. Man sollte nicht immer gleich sagen „Da muss die Politik etwas tun“ und die Verantwortung für sein Leben und Handeln immer gleich an jemanden weitergeben. Das ist schon ein Stück weit etwas, wo wir umdenken müssen. Zunächst muss ich alle Ressourcen heben können, die ich selber habe. Nicht bis zur Selbstaufgabe, aber man hat viel mehr Ressourcen und auch mehr Umfeld, als man glaubt. Das heißt natürlich nicht, dass die Gesellschaft und der Staat nicht solidarisch genau jenen helfen müssen, die solche Systeme nicht haben. Am Ende bleibt dann für beide mehr übrig. Diese Erkenntnis „ich habe etwas geschafft, auch wenn ich mich ein Stück weit geplagt habe, aber das gehört auch zum Leben dazu, es fällt einem nicht alles in den Schoß“, müssen wir auch den Kindern mitgeben. Ich sage auch „Bildung muss Freude machen“ aber das heißt nicht, dass die Schule immer nur Spaß macht. Ich muss mich dort auch plagen und am Ende des Tages, wenn ich Vokabel gebüffelt habe, dann kann ich mich darüber freuen, dass ich sie jetzt kann. Aber ich werde es irgendwann tun müssen. Eine seltsame  Entwicklung für mich ist, dass immer mehr Menschen im Freizeitbereich den berühmten „Kick“ brauchen, etwas zu schaffen oder etwas zu tun, das sie sich eigentlich nicht zugetraut haben. Wir machen Bungeejumping und Basejumping und wir klettern auf Berge, wir machen Triathlon und laufen Marathon und überanstrengend uns dort - manche sogar bis zum Tod. Es heißt ja  „ich brauche den Kick“ – es muss also eine Überwindung sein. Aber im Leben, im täglichen Tun, scheuen wir diese Überwindung. Da hätten wir gerne, dass jemand mit dem Besen vor uns hergeht, wie beim Curling, und alles wegputzt. Und dann wird es Samstag und Sonntag und da machen wir dann was so Verrücktes, weil da müssen wir uns dann überwinden. Ich kann mich aber auch in der Arbeit oder in einer Beziehung überwinden. Ich kann mich überwinden, etwas Gutes für einen anderen zu tun oder selbst wo zurückzustehen. Das ist auch ein „Kick“ -  der mich menschlich weiterbringt (lächelt).

Familienzeit: Der Sommer ist gerade zu Ende gegangen. Haben Sie eine Vision zu Ihrem Herbst des Lebens?

Landesrätin Schwarz: Ich habe ein aktives Bild. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, mit 60 aufzuhören zu arbeiten, da sehe ich meinen Herbst später. Ob das aber so sein wird, kann ich aber nicht wissen. Auf alle Fälle möchte ich mich einbringen und Aufgaben übernehmen. Sei es in der Gemeinde oder im karitativen Bereich - vielleicht Kindern und Jugendlichen, die es im Leben schwer haben, Wege zeigen. Mit Menschen in Beziehung zu bleiben, das ist etwas, auf das ich mit Sicherheit nicht verzichten kann. Ich bin keine Einzelgängerin. Nur im Garten zu werken und Bücher zu lesen ist nicht meine Vorstellung. Ich habe in meinem Leben so viel geplant und es sind überraschend andere, tolle Möglichkeiten gekommen. Ich denke, das wird auch weiter so gehen. Darauf verlasse ich mich ein Stück weit. Es wird jedenfalls ein bunter Herbst.

Familienzeit: Frau Landesrätin, vielen Dank für das Gespräch!